Die Geschichte
Die Schöpfer des heutigen Bulgariens, das während den Jahrtausenden seinen Namen übernommen und bewahrt hat, sind die Bulgaren. Die Geschichte der Bulgaren kann schon seit dem Altertum (1. Jt. v. Chr.) beschrieben werden. Sie gehören der kaukasischen (weißen) Rasse, ein Teil der großen indioeuropäischen Familie, an. Ihre Urheimat ist Mittelasien (die Bergregion von Pamir und Hindukusch). Als hochzivilisierte gesellschaftliche Formation, waren die Protobulgaren lange Zeit kulturbestimmender Faktor in den kleinasiatischen Gebieten und Träger beachtlicher für die damalige Zeit Kenntnisse auf dem Gebiet der philosophischen Versinnlichung der Welt, der Staatlichkeit, des sozialen Aufbaus, der Militärkunst, des Schrifttums, der Sprache und des Bauwesens. Ein bedeutendendes Produkt ihres Erkenntnisses ist der von astronomischem Gesichtspunkt vollkommene Zyklussonnenkalender, in dem die Sternbilder Namen von Tieren tragen. UNESCO schätzt den Kalender der Protobulgaren für einen der genauesten unter den bis zu der modernen Epoche bekannten Kalender.
Bei ihrem Erscheinen auf dem Balkan haben die Bulgaren Gebieten mit reichen kulturellen Traditionen vorgefunden. Die ersten Zeugnisse von Menschen verlieren sich in der entfernten Altsteinzeit (etwa 1 Million Jahre v.Chr.). Der prähistorische Mensch bewohnte Höhlen, sammelte wildwachsende Früchte und Wurzeln, fischte und ging auf die Jagd nach Mammuts und Höhlenbären. Szenen aus seinem Leben sind an den Wänden der Magurata-Höhle bei Belogradtschik dargestellt – fantastische Tiere, Jagdepisoden, religiöse Rituale u.a. Überreste von prähistorischen Bewohnern und Gerätschaften wurden in der Höhle Batscho Kiro in der Nähe von Drjanowo-Kloster entdeckt.
Ein markantes Denkmal aus der Antike ist die halkolite Nekropolis (5000 Jahre v.Chr.) in Varna. Die goldenen Gegenstände in der Nekropolis wurden von den Fachleuten als die ältesten Funde von verarbeitetem Gold auf der Welt eingeschätzt. Sie beweisen in der Geschichte des antiken Südwesteuropas die Existenz einer entwickelten Zivilisation und einer errichteten sozialen Struktur.
„Nach den Indern sind die Thraker das zahlreichste unter allen Völkern. Die Thraker tragen viele Namen, jeder Stamm je nach seinem Land. Sie alle haben aber annähernd gleiche Bräuche...“ – schreibt Herodoth (5. Jh. v. Chr.), bezeichnet als der Vater der Geschichte.
Die Thraker – nach ihrem Ursprung Indioeuropäer – waren großer Statur. Sie waren tapfer und furchtlos und als Söldner in den Armeen des antiken Griechenlands hoch geschätzt. Die Thraker waren mit von den furchtbarsten Gladiatoren in Rom. Unter ihnen war der berühmte Spartakus, Führer eines großen Sklavenaufstandes von 74-71 v. Chr.
Die Thraker bauten Weizen, Gerste. Roggen und Hirse an, sie hatten einen gut entwickelten Weinanbau. Das thrakische Korn und der thrakische Wein waren in der ganzen antiken Welt berühmt. Die Thraker waren auch geschickte Viehzüchter – ihre Pferde waren auf den Märkten der antiken Welt gefragt.
Die reichen und fruchtbaren thrakische Ländereien waren verlockend für die antiken Griechen. Sie begannen ab dem 7. Jh v. Chr. an der Schwarzmeerküste Kolonien zu gründen, von denen die bekanntesten Apolonia (heute Sozopol), Anhialo (heute Pomorie), Messembria (heute Nessebar), Odessos (heute Warna) und Dionissopol (heute Baltschik) u.a. waren. Diese Kolonien wurden Kreuzpunkt unterschiedlicher antiken Kulturen, wofür die reichlichen archäologischen Funde zeugen.
Im 1. Jt. v. Chr. enstanden die ersten thrakischen Staaten, die im 6. Jh. v. Chr. ihre Blütezeit erreichten. Der mächtigste war das Zarenreich von Odriss, benannt nach dem Namen der Dynastie Odrissi. Gegen 5. Jh. v. Chr. war das Zarenreich von Odriss das größte Staatsgebilde in Europa – seine Territorien erstreckten sich von der Donau bis zum Weißen Meer und von dem Fluss Struma bis zum Schwarzen Meer.
Die Thraker verehrten die Große Mutter Gottes und ihr Sohn – die Sonne. Unter den von ihnen geehrten Gottheiten war der s.g. Thrakische Reiter, der auf Steinplatten als Jagdreiter abgebildet wurde. Sein Kultus war so stark, dass er bewahrt und in die Gestalt des christlichen Heiligen St. Georg übernommen wurde.
Am populärsten in der thrakischen religiösen Doktrin war der mythische Sänger und geistiger Lehrer Orpheus. Er war ein unübertroffener Musiker, dessen Melodien selbst die wilden Tiere lauschten. Laut einer anderen Legende war er in die Unterwelt gestiegen, um seine geliebte Euredike zu suchen, konnte sich nicht enthalten sie nicht anzusehen, bis sie nicht draußen sind, und verlor sie für immer. Der legendäre Orpheus wurde auch in die Methodologie der Helenen übernommen (der Mythos von dem Feldzug der Argonauten), oft ist er auch Darsteller in den Schauspielen der altgriechischen Dramatiker.
Die Thraker glaubten am Leben im Jenseits, sie beerdigten ihre Toten mit Freude und Fröhlichsein, organisierten reichliche Festessen mit Wein und auch verschiedene Wettkämpfe. Die Archäologen stoßen oft auf prachtvolles Tafelgeschirr, das die Thraker bei dem Festessen benutzten. Darunter sind die Schätze vom Dorf Borowo (bei Stadt Russe) und vom Dorf Rogozen (bei Stadt Wratza). Reminiszenz der thrakischen Weinfesten ist heute das Anfang Februar alljährlich begangene Fest Triffon Saresan.
Ein thrakisches Beerdigungsfestessen ist auf der zentralen Freske in der berühmten Grabstätte von Kazanlak abgebildet, eines der erhaltenen Meisterstücken thrakischer Grabarchitektur. Es wird angenommen, dass darauf das Todesfestessen für den großen thrakischen Zar der Odrissen Sevt III. (330-300 v. Chr.) dargestellt ist. Ein interessantes künstlerisches Detail in dieser Grabstätte ist der Kampf zwischen Thraker und Makedonier, in dem die Thraker den Agatokel , Sohn des Lisimach –Stellvertreter von Alexander dem Großen für Thrakien - in Haft nehmen.
In den heutigen bulgarischen Ländern sind noch andere einmalige thrakische Gotteshäuser und Grabstätten erschlossen – in der Nähe vom Dorf Starossel bei Stadt Hissar, Perperikon - bei Stadt Kardshali, Mezek - nicht weit von Stadt Svilengrad und im Dorf Alexandrowo bei Stadt Hasskovo.
Im 1. Jh. n. Chr. wurde ganz Thrakien dem aufstrebenden römischen Imperium angeschlossen. Die thrakischen Länder wurden in drei Provinzen geteilt – Mysien (heute Nordbulgarien und ein Teil von Serbien), Thrakien (die Gebiete südlich vom Balkangebirge bis zum Weißen Meer) und Makedonien (das südwestliche Teil von der Balkanhalbinsel). Die Neuorganisation übte einen wohltuenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Thrakiens. Die Zahl der Städte und Festungen wuchs beträchtlich. Die bekanntesten unter ihnen waren Augusta Trajana (heute Stadt Stara Zagora), Serdika (heute Sofia, die Hauptstadt Bulgariens), Pautalia (heute Stadt Kjustendil) u.a. Einen Verdienst zum Urbanisieren der thrakischen Länder hatte der Imperator Trajan (98 – 117). Eine Reihe von Städten setzten vor ihren Namen Ulpia – den Namen des Vaters des Imperators. Besonders hervorgehoben wurde Ulpia Serdika, zu dem sich Imperator Trajan stark verbunden fühlte. Die Stadt hatte das seltene Privileg römische Münzen zu prägen – abgebildet waren darauf 30 Imperatoren und Imperatorinnen. Populär für seine Heilquellen, war Serdika ein beliebter Ort für Imperatoren und römische Patrizier.
Die Entwicklung der Städte schuf Voraussetzungen für das gänzliche Durchdringen der antiken Kultur – Bildungswesen, Theater, Musik, Poesie, Sportspiele, Kunst. Aus jener Periode stammt das bekannte Amphitheater in Trimonzium (heute Stadt Plowdiv ), auf dessen Bühne außer Theater auch Spiele und Schauvorstellungen dargeboten wurden.
Im Jahre 313 erklärte der römische Imperator Konstantin der Große das Christentum als gleichberechtigt mit den übrigen Religionen. Wenn auch langsam, gelangte die neue Religion auch zu den Thrakern. Es begann der Bau von christlichen Gotteshäusern – Basiliken. Erhalten geblieben sind heute in Sofia die Kirche „St. Sophie“ und die Rotunde „St. Georg“. Aus jener Epoche stammt auch die durch ihre Wandmalereien hervorstechende Grabstätte von Stadt Silistra.
Im Jahre 395 wurde das römische Imperium in zwei geteilt – das Östliche mit Zentrum Konstantinopel und das Westliche mit Zentrum Rom. Die heutigen bulgarischen Gebiete blieben im Rahmen des östlichen Imperiums, bekannt im Mittelalter unter dem Namen Byzanz.
Die verheerenden Angriffe der Goten, Hunnen und Auaren in der Zeit der Großen Völkerwanderung (4. Jh. - 7. Jh.) wirkte ungünstig auf das antike Kulturerbe in Südosteuropa. Die thrakischen Länder wurden menschenleer, und das Überbleibsel der alten thrakischen Bevölkerung zog in die großen Gebirgsgebilden.
Im 6. Jh. bildeten sich auf der Balkanhalbinsel die ersten bulgarischen und slawischen Ansiedlungen. Die Angriffe auf den byzantinischen Städten und Festungen zwangen das Imperium immer ernsthaftere Maßnahmen gegen die neuen Nachbarn zu treffen.
Bulgarisch-Slawisches Alphabets
Mitte des 9. Jh. beendeten Konstantin Philosoph, genannt Kyrill, und sein Bruder Methodij die Schaffung des ersten bulgarisch-slawischen Alphabets, des s.g. Glagolitza, sowie die Übersetzungen der heiligen Schriften aus dem Byzantinisch- Griechischen ins Altbulgarische. Im Jahre 868 wagten Kyrill und Methodij einen scharfen Disput mit der lateinischen Geistlichkeit, indem sie vor dem Papst Adrian II das dreisprachige Dogma, laut dessen das Wort Gottes nur auf Griechisch, Lateinisch und Hebräisch gehört und verstanden werden könne und öffnen durch ihren polemischen Sieg den Bulgaren und der slawischen Welt die Pforte der christlichen Zivilisation.
Konstantin-Kyrill Philosoph starb 869 in Rom. Metohodij setze das Schaffen allein fort. Im Jahre 873 erhielt er die Erzbischofwürde von Großmorawien, wo er bis zu seinem Tod lebte und arbeitete.
Ein Teil von den Schülern der Brüder fand im Jahre 886 in christlichem Bulgarien von Fürst Boris I (852 – 889) eine würdige Aufnahme und glänzende Arbeitsbedingungen. Einer von ihnen, Naum, leitete die Bildungsarbeit in Plisska und Presslav, und ein anderer, Kliment, schuf in Ochrid jenes Alphabet, das heute als kyrillisches bekannt ist.
Aus Bulgarien wurde die kyrillische Schrift auch in anderen Ländern verbreitet. Früher wurde dieses graphische System in den rumänischen Fürstentümern Walachei und Moldau, in Litauen u.a. angewendet. Kyrillisch schreibt man heute in Bulgarien Makedonien, Russland, der Ukraine, Weißrussland, Serbien und Montenegro.
Das Schaffen von Konstantin-Kyrill und Methodij und ihren Schülern ist ein außerordentlicher Beitrag für die Förderung der slawischen und europäischen antiken Kultur. Kyrill und Methodij werden in Russland, Serbien, der Walachei und Moldau als bulgarische und gesamtslawische Aposteln geehrt. Papst Joan Pawel II erklärte in einer speziellen Enzyklika die heiligen Brüder Kyrill und Methodij für „geistige Schutzherren Europas“.